Ein Stickchair aus Flieder und Eiche
Wie im ersten Blog beschrieben, konnte ich Anfang dieses Jahres betörend schönes Fliederholz ernten. Daraus sollte nun ein wilder Stickchair entstehen. „Stockstühle“ sind in der ländlichen Stuhlbautradition der Britischen Inseln beheimatet, und dort habe ich diese Bauweise während meiner Wanderjahre kennen und lieben gelernt.
Die Beine und die Rückenlehne von Stickchairs sind aus gespaltenem Hartholz gefertigt und in der massiven Sitzbohle verzapft. Meistens wird gerades Holz verwendet, manchmal aber auch krumm gewachsenes, was die Arbeit aufregend und herausfordernd macht: Denn dann hat, wie in diesem Fall, jeder Zapfen einen anderen Winkel und gutes Augenmaß ist gefragt.
Ich hatte die frischen Fliederknüppel gleich nach der Ernte auf Rohlängen zwischen 40 und 55 cm abgelängt und in Viertel gespalten. Diese Längen passen für alle Stuhlbauteile. Beim Sauberschneiden der frischen Spaltlinge mit Schnitzbeil und Ziehmesser wurde sortiert – die dicksten Stücke sind potenzielle Beine, die dünneren können Spindeln und Riegel werden.
Nach dreimonatiger Lufttrocknung waren die Flieder-Sticks nun bereit zur weiteren Verarbeitung – länger braucht auch das extrem harte Fliederholz nicht zum Durchtrocknen, da die Masse ja bereits maximal reduziert worden ist.
Alle Teile wurden als Rohling mit etwa 10 % Übermaß in Länge und Querschnitt angelegt. Das heißt, ein Stuhlbein, das letztendlich eine Länge von 49 cm und einen Zapfen von 25 mm Durchmesser haben soll, war im Rohling 54 cm lang, mit einem Zapfenquerschnitt von 28 mm.
Das Ablängen auf die präzise Länge und das Andrehen der Zapfen mit Veritas Zapfenschneidern geschah erst während des schrittweisen Bauprozesses.
Für den Sitz fand sich eine luftgetrocknete Eichenbohle, die ich an der Bandsäge ausgesägt und mit Hohldexel und Travisher, einem Stuhlbauer-Schweifhobel, geformt habe.
Dann kam der schönste Teil der Arbeit: die Auswahl der wild geschwungenen Flieder-Stöcke.
Wie finden sich diese extrem heterogenen Bauteile zu einem harmonischen Stuhl zusammen? Zunächst probierte ich verschiedene Positionen für die Beine aus, auf der Suche nach eleganten Schwüngen. Aber auch die Funktionalität musste eingehalten werden: Die Vorderbeine sollen ungefähr lotrecht unter der Ecke der Sitzfläche enden, die Hinterbeine lotrecht unter der Oberkante der Rückenlehne. Stehen die Beine zu weit innen, wird der Stuhl instabil, stehen sie zu weit nach außen, stellt er einem ein Bein.
Nach dem Finden der Position musste der Winkel für die Bohrungen der Zapfenlöcher abgenommen werden. Dafür wurde das Bein provisorisch in der richtigen Stellung gehalten und der Winkel des Zapfens abgenommen.
Das vielfältig verstellbare Gestell aus einem Chemielabor ist dafür sehr gut geeignet; es geht aber auch mit einem geduldigen Helfer, der das Bein festhält. Wichtig ist, dass die Schmiege in der passenden Fluchtlinie zum Bein steht – so wird der komplexe Winkel in einen einfachen Winkel aufgelöst. Dieser Vorgang ist in meinem Holzwerken-Artikel „Der Bau eines Gibson-Chairs“ (HolzWerken 123) ausführlich beschrieben, samt eines kleinen Videos dazu. Ist die Schmiege abgenommen, kann das Zapfenloch gebohrt werden. Ich mache das mit Bohrleier und Schlangenbohrern, weil ich damit sehr präzise bohren kann.
Nun wurden die Beine probeweise eingesteckt und dann die seitlichen Riegel gefunden und verzapft.
Danach kamen die Mittelriegel an die Reihe und dann das Obergestell, das aus vier Spindeln besteht.
Der Kamm, der die Rückenlehne abschließt, wurde passend zum Sitz aus einem frischen Stück Eiche dampfgebogen.
Vor dem Verleimen wurden Sitz und Kamm noch für 24 Stunden mit Ammoniak geräuchert, wodurch die Eiche eine schöne dunkle Farbe bekommt, die einen guten Kontrast zu dem elfenbeinfarbigen Flieder bildet.
Nach dem Verleimen wurde der Stuhl nivelliert, stets der letzte Arbeitsschritt beim Bau von Stickchairs. Die Oberfläche wurde mit reinem Leinöl behandelt.
Wilde Stickchairs zu bauen ist nicht gerade die schnellste Art, an ein Sitzmöbel zu kommen. Es ist eher ein intimes Zwiegespräch mit sehr eigenwilligem Holz.
Und es macht zumindest mir immer wieder Freude und ermöglicht die Verwendung von spannenden und schönen Hölzern, die sonst nie das Licht der Möbelwelt erblicken würden.
Fotos: Michail Schütte
Lesen Sie hier Teil1: Das Grünholzjahr – Winter und Holzernte
Lesen Sie hier Teil 2: Das Grünholzjahr – Frühling und erste Arbeiten
Lesen Sie hier Teil 3: Das Grünholzjahr – Ein Pastalöffel aus Kirschholz
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