Genauigkeit bei der Holzarbeit: So exakt wie möglich oder so genau wie nötig?

Zum Einstieg eine kleine Anekdote, die auf Baustellen immer mal wieder zu hören ist:
„Der Tischler arbeitet auf den Millimeter genau, der Zimmermann arbeitet auf den Zentimeter genau und der Maurer ist froh, wenn er auf dem Grundstück bleibt.“
Dazu ergänzend noch ein Spruch aus meiner Zeit im Modellbau: „Wenn der Tischler eine Tür baut, kann man da ja nen Hut drunter durchwerfen“.
Sprüche dieser Art werden gerne als Ausdruck des eigenen Könnens genutzt, denn meist gilt der Gedanke: Je genauer, desto besser! Spätestens wenn sich dann noch Kommentare aus der Metallverarbeitung einfügen, wo auf den 1/100 mm genau gearbeitet wird, scheint der Sieger gefunden.

Verschiedene Messgeräte im Überblick Wie präzise muss es denn sein?

Dabei steckt vor allem hinter der ersten Anekdote eine wichtige Erkenntnis: Jedes Gewerk, bzw. jeder Auftrag hat seine eigenen Toleranzen.
Die Preise für Rohbauten würden sich vervielfachen, wenn dort zukünftig der Gliedermaßstab gegen den Messschieber getauscht wird.
Statt sich in Details zu verlieren, braucht man bei manchen Gewerken den “Blick fürs Ganze”. Eine schiefe Hauswand fällt überspitzt gesagt nicht auf, wenn man mit der Lupe davor steht, sondern erst, wenn man ein paar Schritte zurücktritt.
Zudem sind große Bauten auch einer größeren Dynamik unterworfen: Große Autobahnbrücken dehnen/schrumpfen von Sommer bis Winter um mehrere Dezimeter.

Möbel aus Metall oder Kunststoff ändern ihre Dimensionen über das Jahr gesehen nicht nennenswert, Massivholz dagegen schon. Auch wenn man mit dem Einstellen der Kreissäge viel Zeit verbringt, den Winkel und Abstand mit digitalen Messwerkzeugen einrichtet, kann das Holz sich bereits nach dem ersten Schnitt schon wieder um mehrere 1/10mm verändert haben.

Ob ein Haus nun 6100 mm oder 6000 mm  oder das freistehende Sideboard 1005 mm oder 1000 mm breit sind, wird an der Funktion in den meisten Fällen wohl nichts ändern (vor allem bei ersterem Fall sehen wir jetzt mal von solchen Kleinigkeiten wie einem Bebauungsplan ab).
Ist die Fensterlaibung dagegen 100 mm zu schmal, könnte es bereits in den frühen Morgenstunden auf der Baustelle zu allgemein erhöhten Blutdruckwerten kommen.
Innerhalb des Hauses kann selbiges Problem beobachtet werden, wenn der Nischenschrank 10mm zu breit geplant wurde.
Spätestens bei der Herstellung der ersten Schwalbenschwanzverbindung erfährt man dann auch, wie groß ein Spalt von 2/10 mm sein kann.

Die Moral dieses Blogbeitrags: Jede Arbeit hat ihre eigene Toleranzklasse in Bezug auf Genauigkeit und nur weil auf den 1/100 mm exakt gearbeitet wurde, ist dies kein Garant für “gute” oder „bessere“ Arbeit.
Mit steigender Erfahrung wächst die Erkenntnis, wann es welche Toleranzklasse braucht. Zudem steigt die Flexibilität, seine Arbeitsweise dieser Toleranzklasse anzupassen.
Schöne Möbel wurden übrigens auch schon vor der Erfindung von digitalen Messschiebern,
Haarwinkel und Papierblatt-breiten Feinsägen gebaut.
In diesem Sinne möchte ich mit zwei weiteren Anekdoten enden: „Man muss auch mal fünfe gerade sein lassen“ und „das passt schon so“.

Übrigens: Mit dem angekündigten Folgeblog zur Metabo-Kreissäge geht es nächste Woche weiter – ein wichtiges Teil dafür ist noch unterwegs.

Bau was aus Holz!

Clevere Projekte mit einfachem Werkzeug
Asa Christiana bietet mit diesem Buch einen extrem einfachen Einstieg in die Arbeit mit Holz an. Bewusst will er kein traditionelles Buch über Möbelbau schreiben, sondern möchte Menschen, die Lust haben mit Holz zu arbeiten, ermutigen einfach anzufangen.
34,00 
Mehr Erfahren

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

27.01.2023

Fast, hätte, aber und etwas - leider wieder nur Allgemeinplätze und Anekdoten aus der Lehre! Von einem Profi hätte ich mehr erwartet. Gerade wenn solch Artikel eher Anfänger tangiert, alte Hasen dürften ihre Toleranzgrenzen ausgelotet haben. Ja natürich so genau wie Nötig, alles unnötige ist eben nicht nötig - logisch?! Das jedes Gewerk, Projekt eigene Masstäbe hat wissen wir. Was aber viele nicht wissen, das Messmittel genauer sein sollten als der eigene Anspruch. Die Brücke von Millau hätte mit einen Gliedermaßstab kl.3 gemessen, schon einen Messfehler von 1,7 Meter - was interessieren Holzwerker aber Autobahnbrücken?? Zum eigenen Anspruch kommen immer eigene Meßfehler etc dazu, was sich summieren kann. Auch können nur 1, 2 zehntel Überstand an einem Schmuckkästchen bei der Gattin einen Schmollmund erzeugen. Der Mensch sieht und fühlt Fehler mehr als man annimmt. Ein weiterer Aspekt ist der des Preises. Wenn es nichts kostet warum nicht so genau wie möglich? Als ich einen Wiha Gliedermasstab mit Kl II für 7,80 € sah habe ich nicht lange überlegt, genauso wie auch für Holzwerker ein (bezahlbarer) Schlosserwinkel 0 oder 1 durchaus Sinn macht, wenn es nur zur Kalibrierung der Maschinen diehnt. Ansonsten reicht natürlich gutes Shinwa-Mittelmass, und es gibt ja zum Glück die Umschlagmethode. Ja früher haben die Tischler auch ohne Woodpeckers gearbeitet, aber die hatten dafür mehr Zeit und es sind ja heute nur die Spitzenstücke erhalten, manch Bauernmöbel mag auch nicht so 100% in der Flucht gelegen haben. Dem lieben Dominik sei die Frage gestattet, warum er jetzt dauernd mit Festool arbeitet, wenn man bei Holz ja mal alle fünfe gerade sein lassen kann...?

Kommentar verfassen