Eine Sitzbank, gebaut mit Axt und Bohrwinde

Messschieber, Diamantsteine und der Werkzeugpark größer als ein Messestand. Manchmal muss ich den bestehenden Vorstellungen zur Perfektion entfliehen und das Gegenteil machen: Einfach mal wieder Spaß an der Holzbearbeitung haben, ohne zu streng mit mir zu sein.

Krumm und schief wächst der Baum, so lebendig, ungestüm und deswegen seit Jahrhunderten ein Quell der Inspiration.
Alles schön und gut, aber wehe der Baum landet als Holz in der Tischlerei: Dann geht es ihm mit chirurgischer Präzision an den Kragen.
Die moderne Werkstatt ist dazu passend steril wie ein OP-Saal. Die Tauchsäge in achter Generation ist nun endlich im Stande auf 2/100 mm genau zu sägen. Der digitale Messschieber wird zur Sicherheit mit Handschuhen bedient, schließlich könnte die Körperwärme das Ergebnis signifikant verfälschen.
Das Stecheisen wird in wochenlanger Meditation unter dem Mikroskop mit dem Wissen von drei japanischen Großmeistern und mit Materialien aus der Raumfahrt so scharf geschliffen, dass man damit mühelos Atome spalten könnte. Rechtwinklig muss unser Holz sein, astfrei und erst recht Werkzeugspuren frei. Nur so können die kritischen Augen der Social-Media-Zuschauer und der heutigen Kundschaft befriedigt werden – man ist schließlich Perfektion in allen Ecken und Enden gewohnt.

Manchmal muss ich dieser Welt entfliehen und Arbeiten nachgehen, die grob sind.
Die Spuren der Arbeit haben. Die krumm und schief sind. Die nicht perfekt sind.
Axt, Klüpfel und Bohrwinde reichen mir für dieses Möbelstück.
Inspiriert von der Bank aus dem Blog „Tischlermeisterin Mutter Natur“ möchte ich eine Sitzbank fertigen.

Zwei Abschnitte einer Birkenbohle und etwas Werkzeug.
Mit Axt und Klüpfel werden die Beine abgespalten.
Mit einer Spaltaxt wäre das Spalten zwar etwas einfacher, für die folgenden Arbeiten
wäre ein Schnitzbeil die beste Wahl. Aber über solche Nichtigkeiten machen wir uns jetzt keine weiteren Gedanken.

Mit der Bohrwinde wird in einem Winkel (der hoffentlich um die 10° beträgt) vorgebohrt…
…und mit dem konischen Bohrer aufgebohrt. Der konische Bohrer ist leider ein Spezialwerkzeug und mir aktuell nur vom Hersteller Veritas bekannt. Wahrscheinlich ist der Bedarf heutzutage nicht mehr allzu groß. Dabei lassen sich so in kürzester Zeit tolle Verbindungen herstellen.
Nun wird geschnitzt: Mit Augenmaß oder alternativ ständigem Ausprobieren wird der konische Zapfen ausgearbeitet.
Grob, voller Macken und in 30 Minuten hergestellt.
In kürzester Zeit ist dieses kleine Möbelstück entstanden. Sitzmöbel mit Handwerkzeugen herzustellen ist eine wunderbare Kombination, denn nach der Fertigstellung hat man direkt ein Plätzchen um sich auszuruhen.

Wissen. Planen. Machen. Das ist das Motto der Zeitschrift HolzWerken, dem Magazin für den Holzwerker.
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