Warum wir Möbel bauen

Warum bauen wir Möbel? Sie denken sich jetzt: Was für eine dumme Frage? Die Antwort scheint doch klar – weil wir ein Möbelstück brauchen. Kein Mensch baut sich ein neues Bett, wenn er mit seinem jetzigen schon voll zufrieden ist. Und doch, nein, diese Antwort kratzt nur an der Oberfläche.

Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow

Die Maslowsche Bedürfnispyramide

Wir bauen Möbel, weil wir damit einige allgemein gültige Bedürfnisse befriedigen. Der Psychologe Abraham Maslow hat die Motivationsstruktur der Menschen untersucht und ist dabei auf fünf Bedürfniskategorien[1] gestoßen. Mit Holzwerken erfüllen wir uns zuallererst das Bedürfnis nach Kompetenz, Unabhängigkeit und Meisterschaft auf einem Gebiet. Gerade weil es Übung benötigt, hochwertige Möbel zu bauen und saubere Verbindungen herzustellen, erfüllt das Holzwerken unser Bedürfnis nach Meisterschaft. Viele erfüllen sich auch das ebenso allgemeingültige Bedürfnis nach Anerkennung, Respekt und Aufmerksamkeit von außen, indem sie bloggen, in Foren schreiben oder sich über die Anerkennung der Familie und Freunde freuen. All das fasst Maslow in der vierten seiner fünf Bedürfniskategorien unter dem Begriff Individualbedürfnisse zusammen.

Gemeinschaft und Zugehörigkeit

Mitunter erfahren wir im Holzwerken auch Gemeinschaft und Zugehörigkeit – die dritte der fünf Bedürfnisebenen. Wir tauschen uns mit anderen HolzwerkerInnen aus, indem wir uns bei Stammtischen treffen, Blogs und Kommentare schreiben oder in Foren aktiv sind. Von James Krenov wird gesagt, er hätte eine Liebesbeziehung mit Holz geführt – voller Respekt für den Werkstoff, bedacht, aus jedem Stück Holz das herauszuholen wofür es bestimmt war. Ja sogar eine gewisse Eifersucht kann man manchmal wahrnehmen, wenn er in seinem Buch "A Cabinetmakers Nobteook" beschreibt, warum er, trotz der körperlichen Anstrengung alleine schweren Bohlen zu schleppen, dann doch am liebsten alleine arbeitet anstatt seine Werkstatt und sein Holz mit einem Lehrling zu teilen. Zugehörigkeit einmal anders.

"What a man can be, he must be" – Was ein Mensch sein kann, das muss er sein

Meisterschaft und Anerkennung, Gemeinschaft und Zugehörigkeit sind aber noch nicht alles. Denn mitunter erfüllt das Holzwerken auch noch das fünfte und kniffligste Bedürfnis der maslowschen Pyramide: Es ist das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung: Der Wunsch, das eigene Potenzial ganz zu entfalten; das zu verwirklichen, was als Anlage in einem steckt. Maslow sagt: "what a man can be, he must be" – was ein Mensch sein kann, das muss er sein. Manche gehen in der Arbeit auf, einige im Gärtnern und andere eben im Möbelbau. Dann ist es mehr als nur ein Hobby. Es ist dieses schwer fassbare, aber ebenso schwer zu ignorierende Bedürfnis, seiner eigenen Natur treu zu sein.

Neben einem Möbel schaffen wir vor allem eines: Zufriedenheit

Schaut man sich die Maslowsche Bedürfnispyramide an, so wird klar, dass wir also nicht nur des Bettes wegen das Bett bauen. Holzwerken kann uns so unglaublich zufrieden machen, weil es so viele Bedürfnisse abdecken kann: von sozialen Bedürfnissen über Individualbedürfnisse bis zur Selbstverwirklichung. Kein Wunder, dass viele hier das Holzwerken ihr Leben lang mit viel Freude betreiben, und nicht nur mit einem Möbelstück, sondern auch mit Zufriedenheit belohnt werden.

Grundbedürfnisse zuerst

Wie sieht es aber aus, wenn die grundlegenden Bedürfnisse nicht gedeckt sind? Etwa jenes nach Sicherheit – einem Dach über dem Kopf, finanziellem Auskommen. Oder die Elementarbedürfnisse: Essen, Trinken und Schlafen. Ja, dann kann es zwar sein, dass wir die in der Pyramide höher angesiedelten Bedürfnisse durchaus verspüren – Energie werden wir für ihre Erfüllung aber kaum aufbringen können. Nach über einem Monat Übelkeit, in dem ich mitunter nicht einmal mehr Wasser bei mir behalten kann, ist mir diese Gesetzmäßigkeit leidlich bewusst. Es kann schnell gehen – und man fällt von der sehr befriedigenden Spitze der Pyramide hinunter auf die elementarste Ebene.

Des Handwerkers wichtigstes Werkzeug

An einem gefällten Baumstamm sehen wir uns die Jahresringe an und können darin wie in einem Buch lesen. Wir sehen nicht nur, wie viele Jahre der Baum gelebt hat, sondern am Abstand der Jahresringe auch, welche Zeiten gut waren. Dann sind die Jahresringe breit, der Baum konnte gut wachsen. In den Mangelzeiten, denen mit zuwenig Sonne und Nährstoffen, sind die Jahresringe hingegen eng, der Baum wächst kaum. Auch das gehört zum Leben. Deshalb gibt es heute einmal kein neues Projekt, sondern zwei Wünsche: Denen, die krank sind, gute Besserung und dass sie gestärkt aus der Krankheit heraus finden. Den Gesunden viele schöne Stunden in der Werkstatt. Und Dankbarkeit für das nur scheinbar Selbstverständliche. Behandelt euren Körper gut und kümmert euch geduldig um ihn! Er ist unser wichtigstes Werkzeug.

Fußnoten

[1]: Am bekanntesten ist das fünfstufige Bedürfnismodell. Maslow erweiterte die Bedürfnishierarchie aber später noch um eine sechste Ebene: das Streben nach Transzendenz.

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