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System 32 - Segen oder Fluch?

Verfasst von: Heiko Rech, Tischlermeister | 04.08.2015

Eine Lochreihe kann nützlich sein, aber auch vollkommen unnötig

Eine Lochreihe kann nützlich sein, aber auch vollkommen unnötig

Es klingt erst einmal sehr vielversprechend. Ein Konstruktionssystem, das nach dem Baukastenprinzip funktioniert. Bohrungen in einem bestimmten Raster, Bauteilabmessungen ebenfalls im Raster und dazu passende Beschläge, Verbinder und Ausstattung für Möbel. Alles passt perfekt zusammen. Soweit die Theorie. In der Praxis kann dies sehr schnell frustrierend sein. Passen die Bohrungen nicht zu hundert Prozent oder stimmen die Abmessungen nicht, so passt am Ende überhaupt nichts mehr.

Was ist dieses ominöse System 32 überhaupt? Es handelt sich nicht um eine Norm, sondern um einen gewachsenen Standard, an den sich Beschlag- und Maschinenhersteller halten. Dieser Standard macht es der Möbelindustrie und professionellen Schreinern sehr einfach Möbel zu konstruieren. Der Vorteil ist, dass diese Möbel leicht zerlegt werden können, die Ausstattung kann problemlos verändert werden und die Montage von Beschlägen wird zum Kinderspiel. Die Basis des Systems ist eine Lochreihe mit einem Mittenabstand von 32mm. Der Abstand zur Vorderkante beträgt 37mm. Der Abstand von der Hinterkante sollte ebenfalls 37mm betragen und dazwischen wird wieder mit dem Rastermaß von 32mm gearbeitet. Bohrungen für Verbindungsbeschläge (meist Exzenterverbinder) werden ebenfalls in diesem Raster gebohrt, aber mit einem Kantenabstand von 9,5mm, was der Mitte einer 19mm Platte entspricht.

Mit so gebohrten Möbelteilen ist es möglich ein Möbel jederzeit zu verändern. Scharniere werden abgeschraubt, Schubladensysteme werden eingebaut oder umgekehrt. Die Kleiderstange im Schrank wird nicht mehr benötigt, sie kommt raus, stattdessen werden Einlegeböden eingesetzt. Aus gleich oder ähnlich gebohrten Möbelteilen können ganz verschiedene Möbel zusammengebaut werden. Das kling so verlockend, dass sich auch viele Holzwerker mit diesem System beschäftigen und versuchen es in ihrer Hobbywerkstatt umzusetzen. Nicht immer mit Erfolgt, im ungünstigsten Fall auch mit Frust.

Der Frust entsteht meist beim Versuch die Verbindungsbeschläge zu benutzen. Hierzu müssen mehrere Bohrungen und mindestens zwei Bauteile eingebracht werden. Diese Bohrungen in den Kanten und der Fläche müssen ganz exakt zueinander passen. Was für die Industrie oder die Schreinerei kein Problem ist, stellt den Holzwerker schnell vor unlösbare Aufgaben. Und dabei ist die Verbindung noch nicht einmal sonderlich stabil. Denn der Schein trügt. Zwar gibt es sehr massive Exzenterverbinder aus Druckguss, der Schwachpunkt ist aber immer der Bolzen, der in der Regel in einer Bohrung mit 5mm Durchmesser sitzt und zwischen 9 und 14mm kurz ist. Es gibt wesentlich elegantere und stabilere Methoden Möbelteile zerlegbar zu verbinden. So kann man beispielsweise den Lamello Clamex Verbinder benutzen, oder Taschenloch- Bohrungen. Diese Verbindungen gelingen auch in der Hobbywerkstatt.

Eine weitere Systemkomponente ist die Lochreihe in der Fläche, meist in den Seitenteilen der Möbel.  Im Abstand von genau 32mm werden Bohrungen mit einer Tiefe von ca. 10mm eingebracht. Der Durchmesser beträgt 5mm. Zur Befestigung von Beschlägen nimmt man sogenannte Euroschrauben. Diese bieten auch bei sehr geringer Länge einen sehr guten Halt für Scharniere und Schubladenführungen. Dank der Lochreihe sind flexibel anzuordnende Fachbodenabstände möglich. Sie können die Abstände jederzeit ändern. Von fertig gekauften Möbeln kennen Sie das ja sicherlich. Aufgrund Ihrer eigenen Erfahrungen mit solchen Möbeln wissen Sie sicherlich auch selbst, ob sie diese Flexibilität benötigen oder jemals genutzt haben. Meine eigene Erfahrung ist die, dass man die Böden einmal nach dem Aufbau des Möbels einteilt und dann nie wieder verändert. Ich habe bisher auch niemals das Bedürfnis gehabt bei einem vorhandenen Schrank Türen durch Schubladen zu ersetzen oder umgekehrt. Die Möglichkeiten die das System 32 bietet bleiben in der Regel ungenutzt.

Die wichtigsten Maße beim System 32

Die wichtigsten Maße beim System 32

Die gute Nachricht ist jedoch, dass Lochreihen auch in der Hobbywerkstatt sehr einfach erstellt werden können. Die Werkzeughersteller bieten unterschiedliche Systeme an, wovon bereits einfache Bohrschablonen gute Dienste leisten. Bohrschablonen für die Oberfräse kann man selbst herstellen und sie garantieren ausrissfreie Bohrungen auch in schwierigen Materialien. Schön sind Lochreihen allerdings nicht unbedingt.

Ich habe mich recht schnell von der intensiven Nutzung des System 32 verabschiedet. Die konsequente Umsetzung ist schwierig, die Optik nicht unbedingt schön und am Ende sehen die selbst gebauten Möbel aus wie gekauft. Ich nutze noch Lochreihen, weil sie zum Befestigen von Topfbändern sehr praktisch sind. Für die Einlegeböden bohre ich nur noch wenige Löcher, meist in größeren Abständen (64 oder 96mm) oder im 32er Raster nur an bestimmten Stellen der Schrankseiten. Dort wo auch die Böden sitzen werden. Wer braucht schon einen Einlegeboden 50mm unter dem Oberboden eines Schrankes?

Für die Industrie ist das System 32 eine tolle Sache, um rationell und flexibel fertigen zu können. Im Hobbybereich macht dieser Standard meiner Meinung nach nur sehr wenig Sinn. Bevor Sie also die Planung Ihrer Möbel einem Raster unterwerfen, überlegen Sie gut, ob die sich ergebenden Nachteile die wenigen echten Vorteile wert sind.

Wenn Sie sich näher mit diesem System auseinander setzen möchten, kann ich Ihnen eine sehr gute Einführung des Beschlagherstellers "Hettich" in Form einer PDF-Datei ans Herz legen:

http://www.hettich.com/fileadmin/content/documents/tua08_g02_de.pdf

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