Holz schlitzen – aber richtig!

Unser Autor Dominik Ricker zeigt eine ungewöhnliche Konstruktion für einen Esszimmertisch mit geschlitzten Beinen.

Tisch ist nicht gleich Tisch – das wissen wir Holzwerker natürlich genau. Meistens kommt der Auftrag aus der Familie: „Kannst du uns nicht mal einen neuen Tisch bauen?“ Und da fängt es schon an. „Praktisch“ soll er sein. Und „groß genug“. Dann aber bitte auch „schön“ oder „gediegen“. Und dann steht jeder Holzwerker erstmal mit der Planung da.

Unser Autor Dominik Ricker hat sich bei seiner Konstruktion eines Esstisches von Enzo Mari inspirieren lassen. Der Italiener hat Beine für einen Tisch entworfen, bei denen unten je zwei einzelne Bretter miteinander verbunden sind, aber zur Tischplatte hin auseinanderdriften.

Fotos: Dominik Ricker

Rickers Entwurf weicht aber davon ab. Die Beine sind aus einem Werkstück, das im Verlauf zur Tischplatte hin geschlitzt ist. Und da ist schon der nächste Schritt in der Planung unabwendbar: Die Frage nach dem passenden Material. Wer Werkstücke aus Massivholz schlitzen und anschließend auseinanderspreizen möchte, ohne dass das Holz zu weit reißt, muss bei der Holzauswahl aufpassen. Astfreies und gerade gewachsenes Holz ist hier unumgänglich.

Illustration: Willi Brokbals

Dazu ist es wichtig, Folgendes über das Naturprodukt Holz zu wissen: Je nachdem, wo im Stamm das Holz entnommen und wie es geschnitten wurde, erscheint die Maserung streifig oder gefladert. Denn Holz wächst rund um den Kern in Jahrringen. Dunkler erscheint das Spätholz, das auch eine höhere Dichte hat, heller und weicher ist das Frühholz. Wurde das Holz rechtwinklig (radial) zu den Jahrringen gesägt, erscheint die Schnittebene streifig. Alle anderen Schnittarten führen zu gefladertem Holz. Je weiter der Schnitt von der Stammachse entfernt ist, desto ausgeprägter ist die Fladerung. Das ist aber nicht nur aus optischen Gründen gut zu wissen. Für das Tischbeinprojekt muss unbedingt Holz mit stehenden Jahrringen möglichst aus dem Mittelbrett verwendet werden.

Entlang der Fasern verläuft jeweils eine „Sollbruchstelle“. Sie sind entlang der Jahrringe angeordnet. Verwendet man also ein Brett mit stehenden Jahrringen, lässt sich das Holz besser zähmen: Denn man kann besser vorhersehen, wie die Spaltung verlaufen würde (nämlich einigermaßen gerade) und entsprechend dagegen anarbeiten. Ein Tisch mit geschlitzten und anschließend aufgespreizten Beinen kommt ohne gerade gewachsenes Holz also nicht aus. Dafür ist nicht viel Material nötig. Auch ein im Kern gerissenes Mittelbrett kann noch genügend Rohstoff für diesen schönen Esstisch hergeben.

Welche Platte Sie auch auf die Beine legen – von nun an gibt es nur noch Diskussionen am Tisch, nicht über ihn. Denn alle weiteren wichtigen Informationen zum Bau bekommen Sie in HolzWerken 103.

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