Lesergalerie Bauzeit
Hauchdünne Schale – an der Grenze des Sichtbaren
Der Rohling wurde mittels Schalenröhre mit Fingernagelanschliff auf der Planscheibe rundgeschruppt. Anschließend wurde ein Rezess mit dem Meißel gedrechselt, um die Außenform mit einer Formröhre präzise zu gestalten. Nach dem Umspannen erfolgte das Ausdrehen des Innenbereichs. Die Wandstärke wurde schrittweise auf ca. 2 mm reduziert. Das unbehandelte Holz behält seine Elastizität und ermöglicht eine leichte Verformung, während die Lichtdurchlässigkeit die feine Holzstruktur hervorhebt.
Zwischen Licht und Linie – Eine hauchdünne Schale aus Kastanienholz
Mit nichts als einer Schalenröhre in der Hand und dem leisen Rhythmus rotierender Maserung begann eine Reise – hinein ins Herz der Kastanie. Ein schlichter Holzblock, unbehandelt und voller Spannung, wurde in Drehung versetzt, und was folgte, war ein Tanz aus Spänen, Licht und Vibrationen.
Zunächst wurde der Rohling mit einer Planscheibe aufgespannt und grob in Form gebracht – das Rundschruppen mit der Schalenröhre (Fingernagelanschliff) ließ bereits erste Andeutungen der späteren Linien erkennen. Ein Meißel formte den Zapfen, das Verbindungsstück zum nächsten Schritt, der die äußere Formung einleitete. Mit einer fein geschliffenen Formröhre wurde die Silhouette modelliert – fließend, rund, fast organisch.
Nach dem Umspannen offenbarte sich die zweite Hälfte des Weges: das Innere. Hier begann das eigentliche Gespräch mit dem Material – das Ausdrehen, Schicht für Schicht, Ebene für Ebene.
Der Späneflug, lebendig und wirbelnd, zeichnete den Weg der Klinge nach - eine Einladung in das Material, seine Form preiszugeben. Mit stetiger Hand und gespitztem Ohr entstand Wand für Wand - so dünn, dass sie begann, den Atem der Drehzahl zu spüren. Die Schale vibrierte, sang fast, während sich unter Druck und Präzision ein Objekt von gerade einmal zwei Millimetern Wandstärke formte. Jede Annäherung an das Licht war ein Wagnis zwischen Standhaftigkeit und Elastizität. Die Vibrationen nahmen zu, das Holz begann zu leben unter der Klinge, und doch blieb es fügsam – ein Tanz auf der Grenze des Möglichen.
Keine Oberflächenbehandlung hielt die Bewegung auf – bewusst durfte das Werk sich später verziehen, durfte zeigen, dass Holz lebt, atmet, sich erinnert. Licht dringt nun durch die Maserung, durch feine Einschlüsse, als wolle es die Geschichte der Baumfaser sichtbar machen.
Diese Schale ist Gebrauchsgegenstand und Würdigung der Elastizität des Kastanienholzes, an die Zerbrechlichkeit und zugleich Stärke des Materials – und an die unendlichen Möglichkeiten der Drechselkunst. Ein Dialog zwischen Mensch und Natur, geführt auf der Schneide eines Werkzeugs, in der Sprache des Handwerks.
- Kastanie Stammhälfte (ca 30x30cm)
- Drechselbank
- Backenfutter
- Schalenröhre 16mm Fingernagelanschliff
- Schalenröhre 13mm Standardanschliff
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