Lesergalerie Tischlern
Gesellenstück mit Geschichte
Diese Truhe aus massivem Nussbaum entstand vor fast neun Jahren als mein Gesellenstück. Weiße, austauschbare Füllungen, handwerkliche Verbindungen und ein ganz persönliches Detail im Sitzpolster verbinden klare Gestaltung, durchdachte Konstruktion und ein Stück Heimatgeschichte.
Fast neun Jahre ist es her, dass diese Truhe als mein Gesellenstück entstanden ist. Heute betrachte ich sie nicht mehr nur als Prüfungsstück, sondern als eigenständiges Möbel.
Mit etwas Abstand finde ich vor allem interessant, dass ich am grundsätzlichen Entwurf auch heute nur wenig ändern würde.
Mit Außenmaßen von 1000 × 500 × 450 mm und einem zusätzlich 20 mm starken Sitzpolster ist die Truhe bewusst kompakt gehalten. Sie verbindet Stauraum und Sitzgelegenheit, ohne wie eine reine Aufbewahrungskiste zu wirken.
Der Korpus besteht aus massivem Nussbaum. Einen bewussten Kontrast dazu bilden die weißen Füllungen. Gerade das Zusammenspiel aus dem warmen, lebendigen Holz und den klaren, ruhigen Flächen prägt die Wirkung des Möbels.
Konstruktiv sollte die Truhe bewusst nicht unnötig kompliziert werden. Der obere und untere Rahmen sind mit Schlitz-und-Zapfen-Verbindungen auf Gehrung gefertigt. Dadurch entsteht eine stabile Konstruktion, während die umlaufende Linienführung erhalten bleibt.
Die weißen Füllungen bestehen aus MDF und sind nicht dauerhaft mit dem Korpus verbunden. Sie werden auf der Innenseite durch Glasleisten gehalten und können bei einer Beschädigung oder einem späteren Austausch ersetzt werden. Die Befestigung bleibt von außen vollständig unsichtbar. Gerade bei einem Möbel, das auf eine lange Nutzungsdauer ausgelegt ist, war mir dieser Gedanke wichtig.
Im Inneren befindet sich außerdem eine Schublade mit handgefertigten Schwalbenschwanzzinken. Auch wenn sie von außen nicht sichtbar ist, gehört sie für mich zum handwerklichen Anspruch des Möbelstücks.
Das persönlichste Detail der Truhe ist jedoch das Sitzpolster. Das verwendete Kunstleder stammt von den Sitzgruppen des Bahnhofs meines Heimatortes. Aus einem Material, das ursprünglich zu einem ganz anderen Ort und Zweck gehörte, wurde so ein Teil meines Gesellenstücks.
Die Grundplatte des Polsters wurde anschließend von meiner Mutter bezogen. Sie ist gelernte Näherin und hat damit ihren eigenen handwerklichen Beitrag zu diesem Möbelstück geleistet.
So verbindet die Truhe für mich mehrere Geschichten: meine handwerkliche Ausbildung, meine Heimat und das Handwerk meiner Mutter.
Fast neun Jahre später wirkt die Gestaltung auf mich noch immer erstaunlich aktuell. Natürlich ist kein Möbel vollständig zeitlos oder losgelöst von seiner Entstehungszeit. Trotzdem glaube ich, dass der Entwurf vor allem von Proportionen, Materialien und klaren Kontrasten lebt und weniger von einem kurzfristigen Trend.
Heute würde ich einzelne Details oder Arbeitsabläufe sicherlich anders angehen. Am grundsätzlichen Entwurf würde ich jedoch wenig verändern. Und vielleicht ist genau das für mich das schönste Urteil über mein damaliges Gesellenstück: Es ist nicht einfach ein Erinnerungsstück aus der Ausbildungszeit geblieben, sondern ein Möbel, hinter dessen Gestaltung, Konstruktion und Geschichte ich auch heute noch stehen kann.
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