Stilmöbel oder: Biedermeier 2.0

Stilmöbel sind im Prinzip Nachbildungen von Möbeln im alten Stil. Sich einer Möbelepoche mit einem Nachbau zu nähern, kann reizvoll sein.

Die eigenen Fähigkeiten erweitern, danach streben wir als Holzwerker gerne. Dafür muss man die Gehrung nicht neu erfinden. Und auch keine ganze Stilepoche. Es genügt, den alten Bauweisen auf den Dübel zu fühlen. Wie in unserem Beispiel.

Schaut man sich die Konstruktion von Biedermeiermöbeln an, so sind diese schlicht, aber gediegen. Und so war die Raumwirkung der Möbel dieser Stilepoche auch beabsichtigt.

Ein Tisch hat eine zentrale Position im Raum. Im Mittelalter war er stark mit der Repäsentation am Adelshof verknüpft. Die höfische Literatur des Mittelalters zeugt noch davon. Setzte man den Gast nicht an die für den Gast vorgesehene Position gegenüber des Hausherrn, so zeigte man ihm seinen Stellenwert bereits auf diese Weise, ohne ihn überhaupt angeredet zu haben.

Anders war das am Hofe des berühmten Königs Artus. Seine Tafelrunde machte es auf sensationelle Weise anders: Der König war ein Gleicher unter Gleichen. An seinem runden Tisch wurde in der Literatur nicht gespeist, bis nicht wenigstens eine Heldengeschichte erlebt wurde. Die Ritter saßen mit ihrem König in einer Runde auf Augenhöhe und erzählten sie sich. Die runde Tischform erfreute sich in den folgenden Epochen großer Beliebtheit. Im Biedermeier findet sich diese Form bei Tischen häufig.

Stilmöbel als Vorbild

Europa ordnete sich nach der Herrschaft Napoleons neu. Das Jahr 1815 brachte nicht nur politisch einen Umbruch. Das Bürgertum erstarkte und definierte sich neu. Das drückte sich nicht nur im Politischen, sondern auch im Privaten aus. Bis 1848, dem Jahr der Bürgerlichen Revolution (oder auch Märzrevolution), spricht man im Gebiet des Deutschen Bundes von der Epoche des Biedermeier.

Diese Zeit war geprägt von großer Ungewissheit und Neuerung. Daher zogen sich viele Bürger in die eigenen vier Wände zurück. Möbel mussten nicht mehr repräsentativ wie an den Adelshöfen sein. Sie sollten eher ein Wohlgefühl auslösen und zweckmäßig sein. Wenn es auch keinen ganz einheitlichen Stil gab, so fielen die Möbel dieser Epoche doch deutlich schlichter aus als zuvor.

Ein Tisch musste im bürgerlichen Haushalt nicht mehr einem Staatsempfang Halt und Rahmen bieten, sondern der Familie. Furnier mit lebendiger Fladerstruktur, oft in der mitte gespiegelt, auf Hochglanz polierte Oberflächen, schlanke, sich zum Boden verjüngende Beine und Querfurnier an der Tischzarge sind Kennzeichen für einen Tisch im Biedermeier. Zum Stilmöbel wird der Biedermeier-Tisch allerdings erst in der Rückschau.

Das Runde im Eckigen

Auch heute noch setzt man dem meist rechteckigen Wohnraum die runde Tischform entgegen und macht einen so ausgestatteten Raum zu einem besonderen Hingucker. Kaum ein anderes Möbelstück wird heutzutage vielseitiger verwendet als der Tisch. Ob gemeinsame Mahlzeiten, Diskussionsrunden, Spieleabende, Homeoffice, Ablage oder gar leichte Holzwerkertätigkeiten – der Vierbeiner im Wohnbereich ist immer ein willkommener Untergrund.

Im Sonderheft 2022 (HolzWerken 104) zum Thema „Alles Rund“ hat sich unser Autor Dominik Ricker mit der Konstruktion eines solchen Beistelltisches im Biedermeier-Stil befasst. Er zeigt dort Schritt für Schritt, wie man von der Holzauswahl über das Furnieren zum perfekten Stilmöbel kommt und was es zu beachten gibt. Alle Maße und eine ausführliche Materialliste gibt es im Artikel.

Schritt für Schritt zum Stilmöbel: Dominik Ricker zeigt hier das fast fertig gefügte Furnier für die Tischplatte des Biedermeier-Tisches aus HolzWerken 104.
Furnieren erfordert exaktes Arbeiten. Dominik Ricker zeigt anhand cleverer Tricks, wie das gut gelingt. Foto: Dominik Ricker

Wer sich ein paar praktische Schablonen und Vorrichtungen zum Anfertigen der runden Teile baut, gelangt zuverlässig zu einem überzeugenden Ergebnis. Das fertige Stilmöbel ist dann garantiert ein Augenschmaus für jeden Gast. Zu dieser runden Tafel kann er sich dann setzen, wo er möchte – ohne eine Bewertung durch den Sitzplatz fürchten zu müssen. Aber das Mittelalter ist ja auch längst vergangen.


Übrigens: Auch erfahrene Tischler wie Dominik Ricker haben mit Rückschlägen beim Bau zu kämpfen. Die Kunst ist, sich nicht darüber aufzuregen, sondern daraus zu lernen. Das berichtet er selbst in seinem HolzWerken-Blog.

Wer Lust hat, mehr über Wohnen im Biedermeier zu erfahren, kann dies in den Sammlungen der Museen tun (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Wissen Sie von weiteren Sammlungen, schreiben Sie sie gerne in die Kommentare.

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