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News: Mittwoch, 28. Juni 2017

SawStop wird Schwester von Festool

Kommt die umstrittene Vollbrems-Technik für Kreissägen jetzt auch nach Europa?

Die Festool-Muttergesellschaft TTS kauft den US-Maschinenhersteller SawStop. Das verkünden beide Unternehmen auf Ihren Webseiten (hier und hier). Die Firma aus Oregon wird damit neben Festool, Tanos und weiteren Töchtern Teil der Firmengruppe aus Wendlingen. SawStop ist bekannt für seine sogenannte AIM (Active Injury Mitigation)-Technologie. Diese erkennt Hautkontakt des Sägeblatts und stoppt das Werkzeug in wenigen Millisekunden. (Näheres zu dieser Methode weiter unten und hier im Video). Außerdem baut SawStop seit einigen Jahren auch vollständige Tischkreissägen mit AIM. Festool rückt über seine neue Schwester näher an den Bereich der Stationärmaschinen. Wie viel die Deutschen für das US-Unternehmen zahlen, wurde nicht bekannt.

Nach Unternehmensangaben soll SawStop eigenständig agieren und wird vom bisherigen Team um Firmengründer Stephen Gass weitergeführt. Gass ist bei vielen amerikanischen Holzwerkern umstritten. Sie werfen ihm vor, seine patentierte Technik aggressiv in den Markt drücken zu wollen. Konkurrent Bosch musste das unlängst schmerzhaft erleben, als es seine mit ähnlicher Technik arbeitende Reaxx-Sägen in den USA vertreiben wollte. Der Import wurde von den US-Behörden untersagt, was SawStop genüsslich in einer Pressemitteilung verbreitete.

Zur Firmenkultur von SawStop-Käuferin TTS gehört es, dass es zwischen den Töchtern einen regen Produktaustausch gibt. So sind die bekannten Systainer der Marke Festool das Hauptprodukt der Schwesterfirma Tanos. Da liegt es nahe, das erfolgreiche US-System (wenn technisch möglich) zu verkleinern. Ziel des Kaufs ist es laut TTS denn auch, das Sicherheitssystem AIM weiterzuentwickeln. "Gleichzeitig stellt sich die TTS somit auch für zu erwartende, strenger werdende Sicherheitsanforderungen an Elektrowerkzeuge optimal auf", heißt es in der Pressemitteilung. Wird es also trotz aller technischen Herausforderungen mittelfristig SawStop-Technik in Festool-Sägen geben?

HolzWerken beobachtet die SawStop-Entwicklung in den USA schon lange. Wir dokumentieren hier einen Artikel aus der HolzWerken-Ausgabe 37 (2012), der das Wesentliche der SawStop-Technologie in allen Details erläutert und auch auf die interessante rechtliche Frage eingeht: Werden Vollbrems-Systeme für Tischkreissägen auch bei uns zu bekommen sein - oder gar Pflicht?

Vollbremsung  für Tischkreissägen
Ein schrecklicher Unfall, eine clevere Erfindung und ein zurzeit geplantes Gesetz in Kalifornien könnte schon in den nächsten Jahren Wellen bis in jede Holzwerkstatt schlagen. Womöglich ­verändert sich der Markt für Kreissägen für immer. HolzWerken erklärt die Hintergründe.
Der 19. April 2005 ist ein schrecklicher Tag für Carlos Osorio: Der kolumbianische Hilfsarbeiter, gerade seit zwei Jahren in den USA, will auf einer Baustelle ein Fußboden-Brett keilförmig auf Breite schneiden. Seine Ryobi-BTS 15-Baustellenkreissäge besitzt (wie in den USA meist üblich) keinen Spaltkeil. Schutzhaube und Parallelanschlag sind wie immer in Osorios Firma gar nicht erst angebaut. Als das Eichenbrett klemmt und die Säge vibriert, drückt der 24-Jährige einfach noch fester. Da geschieht es: Das Sägeblatt schleudert das Brett fort und Osorio gerät mit der linken Hand in die rotierenden Zähne. Zahlreiche Operationen werden nötig sein, um die schweren Verletzungen der Finger halbwegs zu reparieren.
2010 folgt vor Gericht das Schadens­ersatzverfahren, dessen Urteil in der US-Holz-Szene einschlägt wie eine Bombe: Osorio bekommt 1,5 Millionen Dollar zu­gesprochen, zu zahlen vom Maschinenhersteller One World Technologies (Ryobis Mutterfirma). Zwar wird Osorio ein Drittel der Schuld am Unfall zugewiesen (er hatte nun einmal grob fahrlässig agiert). Schwerer wiegt für die Jury, dass Ryobi an der Kreissäge keine "am Markt verfügbare Technik" eingebaut hatte, die zwischen Holz und Fleisch unterscheidet und das Sägeblatt im Ernstfall stoppt.

Findiger Tüftler (und Anwalt) gründet SawStop

Rückblende: Im Sommer 2000 präsentiert Stephen Gass, Physiker, Patentanwalt und Hobby-Holzwerker in einer Person, seine selbst entwickelte "SawStop"-Technologie. Auf der US-Branchenleitmesse in Atlanta schiebt er ein Hot-Dog-Würstchen auf einer mit SawStop ausgerüsteten Tischkreissäge bis ans Sägeblatt. Plötzlich knallt es gewaltig und das Sägeblatt verschwindet so schnell im Tisch, dass man es mit bloßem Auge nicht wahrnimmt. Im Würstchen ist nur eine kleine Kerbe zu sehen. Das ist passiert: Bei SawStop liegt am rotierenden Sägeblatt ein ständiger, schwacher Strom an. Berührt das Blatt (schlecht leitendes) Holz, so geschieht nichts. Gerät aber gut leitendes Fleisch (gleich, ob Finger oder Würstchen) ans Blatt, sinkt der Mess-Strom ab und ein angeschlossener Mikro-Prozessor entriegelt eine Schmelz-Sicherung. Diese gibt eine sehr starke Feder frei, die einen massiven Aluminium-Block in das Sägeblatt rammt: Innerhalb von "drei bis fünf Millisekunden" (SawStop-Angabe) steht das Blatt und katapultiert sich gleichzeitig durch den Drehimpuls selbst unter die Tischebene.
Statt der Fahrt auf den OP-Tisch ist ein Pflaster oder höchstens ein Nahtstich am Finger nötig. An der Tischkreissäge müssen das SawStop-Element und das beim Not-Stopp zerstörte Sägeblatt ausgewechselt werden, was mit insgesamt rund 150 Euro zu Buche schlägt.

Vollbrems-Technik: In den USA bald Pflicht?

Eine solche Technik, so urteilte das Gericht im Osorio-Fall, hätte Ryobi in seiner Säge haben müssen. Und haben können: Der Erfinder Steve Gass hatte seine Technologie vielen namhaften Sägenherstellern, darunter Ryobi, Bosch und Altendorf, angeboten. Sie hätten SawStop-Module in ihre Serienmodelle aufnehmen können. Dafür hätten sie jedoch ihre Produktionslinien ändern und Steve Gass üppige Lizenzgebühren überweisen müssen: Sämtliche Firmen winkten ab. Pikant an der Sache: Es war laut US-Medienberichten Steve Gass selbst, der die US-Behörden danach auf eine angeblich mangelhafte Sicherheitsausstattung der Sägen ohne SawStop hinwies. Wollte sich hier jemand durch Anschwärzen der Konkurrenz in den Markt drängen, nachdem die Hersteller seine Lizenz-Idee als zu teuer abgelehnt hatten? Diese Vermutung kursiert heute unter US-Holzwerkern. Ihre Befürchtung: Neue Sägen könnten deutlich teurer werden, wenn Steve Gass‘ Lobbyarbeit Erfolg hat und eine Technologie wie SawStop Pflicht wird.
Doch genau danach sieht es aus: der "Table Saw Safety Act" hat im Herbst 2012 im Bundesstaat Kalifornien bereits die ersten Ausschuss-Abstimmungen mit teilweise deutlicher Mehrheit passiert. Das Gesetz verbietet den Verkauf herkömmlicher Tischkreissägen ohne Handerkennung und superschnellen Blatt-Stopp. Geplantes Inkrafttreten: 2015. Gegner des Gesetzes argumentieren, dass Steve Gass ein Monopol in die Hände bekäme. Denn derzeit gibt es kein vergleichbares System. Und SawStop hält die entscheidenden Patente.

Kritische Blicke aus Europa

Europäische Maschinenhersteller sehen die SawStop-Technologie eher kritisch: Ein eigenes, "Cut-Stop" genanntes Forschungsprojekt (mit den Firmen Altendorf, Martin und Panhans als Partner) endete 2006. Ergebnis: Bei mittleren und schweren Formatkreissägen mit über 315 Millimetern Blattdurchmesser ist eine ausreichend schnelle Abbremsung gar nicht zu machen – nicht einmal mit Scheibenbremsen, die kräftiger sind als bei einem Lastwagen. Und: Der SawStop-Ansatz, so zeigten die Tests, funktioniert bei einem Spanwinkel von 0° oder kleiner nicht zuverlässig: Der Aluminium-Block greift mitunter nicht. Außerdem sahen die Experten die Gefahr eines Blattbruchs durch die rabiate Bremsmethode, so erfuhr HolzWerken im Gespräch mit Rolf Tweer (Altendorf), damals Mitglied des Forschungsteams.
Es kann jedoch sein, dass sich mancher europäischer Maschinenhersteller intensiver mit der superschnellen Blattbremse beschäftigen muss: Sofern die Kalifornier eine solche Technik zur Pflicht machen, dürfte diese bald in den gesamten USA gelten. Daran kommt kein Hersteller vorbei, der Sägen, ob klein, mittel oder groß, in die USA exportieren will. Und ob dann zwei Modelle – mit Brems-Technik für die USA, ohne für Europa – produziert würden, scheint zumindest fraglich. So könnte die Vollbrems-Technologie in wenigen Jahren in unseren Werkstätten stehen.

Andreas Duhme

Erschienen in HolzWerken 37 (2012)

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