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Die drei Arten von "Genau"

Verfasst von: Heiko Rech, Tischlermeister | 29.11.2016

Genau, ganz präzise, und ganz einfach, das liest man in Artikeln und auf Blogs immer wieder und auch sehr gerne. Wer arbeitet schon gerne ungenau. Aber mit der Genauigkeit ist es nicht immer so einfach. Was dem einen vollkommen ausreicht, findet der andere ungenau. Dem einen reicht es auf den Millimeter genau zu arbeiten, der nächste hantiert mit dem Messschieber und der Fühlerlehre herum. Jeder hat da wohl seine ganz eigenen Vorstellungen von "genau" und "präzise". Schnell macht sich dann aber auch Verunsicherung breit. Teure, hochpräzise und möglichst viele Messwerkzeuge sind dann aber auch keine Lösung. Viel besser ist es dam wenn man sich überlegt, an welcher Stelle welche Genauigkeit notwendig ist. Oder besser gesagt, welche Art von Genauigkeit wann sinnvoll ist. Denn es gibt für Holzwerker mindestens drei Arten der Genauigkeit.

Messwerkzeuge sind wichtig, sollten aber auch nicht überbewertet werden

Messwerkzeuge sind wichtig, sollten aber auch nicht überbewertet werden

Maßgenau

Beim Zuschnitt versucht man Maßgenau zu arbeiten

Beim Zuschnitt versucht man Maßgenau zu arbeiten

Will man etwas bauen, muss man sich an bestimmte Abmessungen halten. Das kann das Außenmaß eines Schrankes sein, die auszuhobelnde Materialstärke oder auch der Durchmesser einer Bohrung. In diesen Fällen arbeitet man maßgenau, was bedeutet, dass man sich an eben diese vorgegebenen Maße hält. Ein typisches Beispiel ist der Materialzuschnitt. Da versucht man die ausgerechneten Abmessungen möglichst genau einzuhalten. Wie viel Toleranz man bei welcher Arbeit akzeptieren kann, ist dabei die eigentliche Schwierigkeit. Während man bei Bohrdurchmessern meist keinen Spielraum hat, weil sonst Beschläge oder Dübel nicht passen, kann ein Schrank durchaus einen oder zwei Millimeter größer oder kleiner werden, ohne dass sich dies negativ auswirkt. 

Passgenau

Sehr oft muss man beim Möbelbau Teile an vorhandene Teile anpassen.

Sehr oft muss man beim Möbelbau Teile an vorhandene Teile anpassen.

Wesentlich öfter, als maßgenau, muss beim Holzwerken passgenau gearbeitet werden. Immer wieder kommt es vor, dass Teile an bereits vorhandene Teile genau angepasst werden müssen. Beispielsweise ein Einlegeboden in einen Schrank, eine Kranzleiste um einen Korpus herum, ein Zapfen, der genau in einen Schlitz passen soll. Da nutzt es meist nichts, wenn man stur nach Zeichnung arbeitet. Es gibt einfach Fälle, da muss man ausprobieren, ob das gewählte Maß richtig ist, oder ob man noch anpassen muss.

Wiederholgenau

Gleiche Teile sollten auch wirklich gleich sein

Gleiche Teile sollten auch wirklich gleich sein

Oft spielt das genaue Maß nur eine untergeordnete Rolle. Viel swichtiger ist, dass Teile, die gleich sein sollen, auch wirklich gleich sind. Gleiche Schubladen müssen wirklich gleich sein. Die Rückwandnut in einem Korpus muss an allen Teilen den gleichen Randabstand haben, Lochreihen müssen alle in der gleichen Höhe sitzen und so weiter. Wiederholgenauigkeit hängt zum großen Teil von der Qualität der Maschinen, Anschläge und Messwerkzeuge ab, aber auch vom Holzwerker und seiner Arbeitsplanung.

Holz ist ein Werkstoff, bei dem man gewisse Toleranzen von vorneherein mit einplanen muss. Wer versucht immer Maßgenau zu arbeiten, wird sehr schnell an die Grenzen des Machbaren stoßen und mit den Toleranzen zu kämpfen haben. Viel effektiver und vor allem stressfreier ist es, wenn man zwischen maßgenau, passgenau und wiederholgenau zu unterscheiden lernt. Wenn man lernt, wo nun welche Art der Genauigkeit sinnvoll ist. Das braucht etwas Erfahrung und es gibt auch keine "10 Regeln für absolut genaues Holzwerken" - Leider.

Allerdings gibt es von mir heute "10 Tipps für genaueres Holzwerken"

  1. Weniger umstellen: Stellen Sie beim Zuschnitt und beim Fräsen die Anschläge weniger oft um. Schneiden Sie gleiche Maße immer mit der gleichen Einstellung. Planen Sie die Reihenfolge der Arbeitsgänge. Ruhig sogar auf Papier.
  2. Arbeiten Sie mit runden Maßen: 10+10 rechnet sich einfacher, als 9,8 + 9,8. Rechenfehler fallen bei runden Maßen viel schneller auf.
  3. Schneiden Sie nicht alle Teile auf einmal zu: Arbeiten Sie in Etappen. Bauen Sie beispielsweise erst den Korpus fertig, bevor Sie die Schubladen zuschneiden. Schleichen sich beim Korpusbau Ungenauigkeiten ein, übernehmen Sie diese einfach bei den Schubladen und schon passt wieder alles.
  4. Es lebe die Schattenfuge: Schattenfugen kaschieren Ungenauigkeiten sehr gut. Beispielsweise dann, wenn es ihnen einfach nicht gelingen will, den Rahmen bündig zu bekommen.
  5. Ignorieren Sie die zweite Stelle: Bei Messschiebern, Tiefenmessern und sonstigen digitalen Messgeräten gibt es meist zwei Nachkommastellen. Die braucht man nicht. Das verunsichert eigentlich nur. Lernen Sie diese zweite Stelle zu ignorieren.
  6. Der rechte Winkel ist nicht alles: Wenn ihr Korpus dummerweise nicht im rechten Winkel ist, verleimen Sie die Tür auch außer Winkel. Das wird niemand sehen. Passen Tür und Korpus aber nicht zusammen sieht das jeder.
  7. Bündig ist schwierig: Holz wird immer arbeiten. Was einmal bündig war, muss nicht zwangsläufig bündig bleiben. Kleine Überstände sind da meist die bessere Wahl. Oder Sie beherzigen gleich Tipp Nr. 4.
  8. Bohrer sind tolle Messwerkzeuge: Ist die Nut wirklich acht Millimeter breit? Legen Sie einen acht Millimeter Bohrer hinein. Hat er Luft, ist die Nut noch zu breit. Die Frästiefe an der Oberfräse kann auch gut mit einem entsprechenden Bohrer eingestellt werden. Es gibt viele Beispiele, in denen Bohrer gut zum MEssen kleiner aße geeignet sind.
  9. Benutzen Sie so wenige Messwerkzeuge wie möglich: Wer viel misst misst Mist, das kennen Sie sicher schon. In der Tat kann es problematisch werden, wenn man mit zu vielen unterschiedlichen Messwerkzeugen arbeitet. Denn selten sind diese geeicht und passen genau zueinander. Also wenn möglich immer nur einen Zollstock, nur einen Messschieber, nur einen Winkel benutzen.
  10. Zweimal messen, einmal schneiden: Auch diesen Spruch kennen Sie sicherlich und er ist absolut richtig. Ich will ihn aber noch ein wenig erweitern: Messen Sie nicht zu oft. Denn wenn Sie zu oft messen müssen, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass Sie sich ihrer Sache gerade nicht sicher sind. Dann sollten Sie erst einmal "anhalten" und sich alles noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen.

Machen Sie sich also nicht selbst verrückt, indem Sie versuchen genauer zu arbeiten, als es notwendig ist, oder der Werkstoff Holz das zulässt. Und seien Sie sich einer Sache immer ganz gewiss: Viele Ungenauigkeiten und vermeintliche Fehler, fallen außer Ihnen ohnehin niemandem sonst auf. Und wenn doch, soll derjenige es erst einmal besser machen!

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